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A2-Milch: Gibt es neue Erkenntnisse?

Am 28. Februar hat die HBLFA Raumberg Gumpenstein zu einer Vortragsveranstaltung zum Thema „A2-Milch – Mythos, Chance, Herausforderungen?“ eingeladen.

Das Ziel der Veranstaltung war es den neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu präsentieren. Darüber hinaus sollten aber auch tierzüchterische Aspekte und insbesondere ökonomische Gesichtspunkte, sowohl aus der Perspektive des landwirtschaftlichen Betriebs, als auch der Molkerei und des Lebensmittelhandels beleuchtet werden.

Zunächst jedoch einige Hintergrundinformationen:

Kaseine in der Milch

Das Kuhmilcheiweiß setzt sich zu 80% aus Kaseinen und zu rund 20% aus Molkeneiweiß zusammen. Beta-Kasein ist innerhalb der Kaseineiweiße mit rund 30% der zweitwichtigste Bestandteil. Durch Mutationen sind im Laufe der Stammesgeschichte des Rindes verschiedene Varianten von Betakasein entstanden. Derzeit sind 15 solche Varianten bekannt. Die Beta-Kaseine A1 und A2 sind dabei bei unseren Rindern die weitaus häufigsten Varianten. Wesentlich seltener kommen die Varianten A3 (A2-ähnlich), B (A1-ähnlich), C (A1-ähnlich) und I (A2-ähnlich) vor. Die Frequenz des A2 Allels liegt derzeit bei Fleckvieh bei rund 60-65%, bei Holsteins zwischen 60 und 70% und bei Braunvieh zwischen 80 und 85%. Es gibt Rinderrassen wie das Guernsey oder Jersey Rind mit sehr hohen A2 Frequenzen bzw. Rassen wie die Norwegischen Roten mit sehr niedrigen A2 Frequenzen.

Hypothesen ab Ende der 90er Jahre

Die Diskussion um A1 bzw. A2 begann bereits Ende der 90er Jahre. Dreh- und Angelpunkt der Diskussion ist ein Stoff, der beim Abbau von A1 Milch im Verdauungstrakt entsteht: Beta-Casomorphin 7 (BCM-7). Dieser Stoff wird beim Abbau von A2 Milch nicht oder nur in sehr geringen Mengen gebildet. BCM-7 wurde zunächst mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung von Krankheiten wie Typ1 Diabetes, Herzinfarkt und Autismus in Verbindung gebracht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Max-Rubner-Institut haben in den Jahren 2009 bzw. 2016 die betreffenden Studien geprüft und kamen zu dem Schluss, dass es keine wissenschaftlich belegten Zusammenhänge zwischen dem Konsum von A1-Milch und den genannten Erkrankungen gibt.

Milchallergien und -unverträglichkeiten

In den letzten Jahren hat sich die A2 Diskussion vermehrt auf das Thema Milchunverträglichkeit verlagert. Hier müssen zunächst einmal die Begriffe Milchallergie und Milchunverträglichkeit geklärt werden. Bei einer Allergie reagiert das menschliche Immunsystem auf das Milcheiweiß (häufig auf Kasein-Hauptbestandteil αS1) mit schweren Symptomen. Bei einer Unverträglichkeit dagegen reagiert vor allem die Verdauung. Der Mensch, der an einer Unverträglichkeit leidet, verträgt das Milcheiweiß bis zu einer individuellen Toleranzgrenze. Dann reagiert der Körper mit Blähungen, Krämpfen und Durchfall. Während sich eine Allergie durch einen Bluttest eindeutig nachweisen lässt, ist dies bei einer Milcheiweißunverträglichkeit nicht möglich. Daneben gibt es noch die Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz). Diese tritt bei rund 10% der erwachsenen Bevölkerung auf und ist durch eine genetisch bedingte Beeinträchtigung der Produktion des Enzyms Laktase verursacht, die den Milchzucker im Körper abbaut.  Obwohl die Symptome der Laktoseintoleranz einer Milcheiweißunverträglichkeit ähnlich sind, sind die Ursachen doch grundverschieden.

Ergebnisse des A2 Milch-Forschungsprojekts des KErn:

Das Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft hat zusammen mit dem Institut für Evidenz in der Medizin (Cochrane Deutschland Stiftung) in einer groß angelegten Literaturstudie insgesamt 10.430 wissenschaftliche Studien einbezogen. Nach genauer Prüfung wurden schließlich 21 Studien in die näheren Untersuchungen einbezogen.

Frau Dr. Röger vom KErn berichtete, dass aus den vorliegenden Studien kein Zusammenhang von A1-Milchkonsum mit Risiko für Typ 1 Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen abgeleitet werden könne. Was Magen-Darm Symptome angeht (Milcheiweißunverträglichkeiten) konnte bei den meisten Studien eine leicht verbesserte Verträglichkeit von A2-Milch gefunden werden. Einige Studien konnten jedoch keine Unterschiede nachweisen. Die Autoren schlussfolgern daher, dass die postulierten gesundheitlichen Vorteile von A2-Milch zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissenschaftlich nicht ausreichend belegt sind.

Tierzüchterische Aspekte

Bei den aktuellen Allelefrequenzen liegt der Anteil der reinerbigen A2A2 Kühe bei knapp 40% bei Fleckvieh und Holstein Friesian und bei rund 75% bei der Rasse Braunvieh. Da nach derzeitigem Stand der postulierte gesundheitliche Effekt nur bei 100% A2-Milch Anteil eintritt, würde eine vollständige Umzüchtung auf reinerbige A2 Tiere mit erheblichen Kosten verbunden sein. Bei der Umstellung könnte traditionell über die Selektion von reinerbigen A2 Stieren oder über Herdengenotypisierung zusätzlich auch auf der weiblichen Seite selektiert werden. Selbst bei zusätzlicher Selektion über die weibliche Seite ist mit Umstellungszeiträumen von rund 10 Jahren bei Fleckvieh bzw. von rund 6 Jahren bei Braunvieh zu rechnen. Wesentlich schneller aber auch kostspieliger wäre ein Zukauf von reinerbigen A2 Tieren. Trotz der erheblichen Umstellungskosten bräuchte es laut den Berechnungen von Prof. Götz von der LfL Grub nur einen Milchgeldaufschlag von 5 bis 10 Cent, um die Investition innerhalb weniger Jahre zurückzuverdienen. Diese Rechnung geht jedoch nur auf, solange A2 Milch ein Nischenprodukt bleibt. Bei hohen A2A2 Anteilen ist damit zu rechnen, dass keine Aufschläge mehr verdient werden können, da sich der Erzeugerpreis letztlich an den Weltmarktpreisen orientiert. Zusätzlich kommt hinzu, dass eine strenge Selektion auf die A2 Variante dazu führen würde, das bei derzeitigen Allelfrequenzen rund 60% der männlichen Fleckviehkandidaten und 30% der Braunviehstierkälber ausselektiert werden müssten. Dies würden den Zuchtfortschritt mittelfristig deutlich reduzieren und hätte überdies einen verstärkten Inzuchtzuwachs zur Folge.

Die Genotypisierung der A1/A2 Milch Variante kann bei Zuchtbetrieben über die Genotypisierung zur genomischen Zuchtwertschätzung durchgeführt werden. Die Ergebnisse werden in Form der beiden Hauptallele A1 und A2 für die untersuchten Tiere veröffentlicht. Die genomische Untersuchung kostet derzeit € 39. Alternativ dazu können bei verschiedenen Labors (z.B. https://www.agrobiogen.de/) genetische Untersuchungen der A1/A2 Variante beauftragt werden.

Bericht von A2-Milch Produzenten

Die A2 Milch GmbH von den Betrieben Wallner aus Scharnstein im Almtal und Reingruber aus Inzersdorf im Kremstal liefert seit 2018 A2 Milch. Die Umstellung auf reinerbige A2 Kühe dauerte rund ein Jahr und erfolgte durch Zu- und Verkauf. Die Milch ist derzeit in rund 500 Filialen erhältlich (Merkur, Billa OÖ, diverse Spar Märkte,….). Reingruber und Wallner sind grundsätzlich zufrieden mit der Entwicklung der Verkaufsmengen, hätten sich jedoch schnellere Zuwachsraten erhofft. Sie berichten von vielen positiven Rückmeldungen ihrer Kunden bezüglich der verbesserten Verträglichkeit der A2 Milch. Als Problem bei der Vermarktung wird der fehlende ‚Health Claim‘  (EU Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel) aufgund fehlender wissenschaftlichen Belege über die gesundheitlichen Effekte von A2 Milch gesehen.

Schlussfolgerung:

Leider ist die wissenschaftliche Faktenlage zu den postulierten gesundheitlichen Effekten von A2 Milch nach wie vor unklar. Festzuhalten ist daher, dass es in 30 Jahren Forschung zu diesem Thema nicht gelungen ist, positive Effekte von A2 Milch zu beweisen.

A2 Milch wird daher aus heutiger Sicht für einzelne Betriebe ein interessantes Nischenprodukt bleiben. Österreichweit ist aus den Besamungszahlen abzulesen, dass derzeit kaum auf reinerbige A2 Stiere selektiert wird. So liegt der Anteil von Besamungen mit reinerbigen A2 Stieren mit 36,3 bei Fleckvieh und 79,4% bei Braunvieh genau beim erwarteten Anteil der sich aus den Allelfrequenzen ergibt (Fürst, 2020). Angesichts der internationalen Konkurrenz in der Rinderzucht im Genomik-Zeitalter sollten wir uns genau überlegen, welche zusätzlichen Merkmale wir in den Selektionsprozess aufnehmen.

Autor: Dr. Hermann Schwarzenbacher, ZuchtData

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