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Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber, Experte für Umweltwirkung und Klimabilanzen der BOKU

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Die Landwirtschaft zeichnet sich für 10 % der Treibhausgase verantwortlich.

ZAR-Kuhrier: Die Landwirtschaft und im speziellen die tierische Produktion wird oft als einer der Hauptverantwortungsträger zur globalen Klimakrise genannt. Können Sie das nachvollziehen? Wie sieht der Beitrag der österreichischen Landwirtschaft zu den Treibhausgasen aus?

Der Sektor Landwirtschaft war in Österreich in den letzten Jahren konstant für knapp 10 % der Treibhausgas (THG)-Emissionen direkt verantwortlich. Dabei sind allerdings Emissionen aus dem Diesel- oder Stromverbrauch, der Herstellung von landwirtschaftlichen Maschinen, Gebäuden, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln nicht enthalten. Viele dieser Umweltwirkungen sind dem Sektor Energieherstellung & Industrie zugeordnet oder scheinen nicht in der österreichischen Bilanz auf, weil die Emissionen für importierte Produkte im Ausland verbucht werden.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Anteile der vom Menschen verursachten weltweiten Treibhausgasen in CO2-Äquivalenten.

 

 

Weltweit gesehen ist der Anteil der Landwirtschaft an den THG-Emissionen aber viel größer. Alleine die Herstellung von Nahrungsmitteln kommt für über ein Viertel aller THG-Emissionen auf. Hohe Emissionen stammen auch von der (Tropen-) Waldrodung zur Erschließung landwirtschaftlicher Flächen. In entwickelten Ländern wie in Österreich sind ebenso 20 % bis 30 % aller THG-Emissionen dem gesamten Bereich Nahrungserzeugung inkl. Kochen und Abfallentsorgung zuzuordnen, nachdem ein vergleichsweise großer Teil unserer Lebensmittel tierischen Ursprungs sind.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Methan (CH4) trägt mit einem Anteil von 20 % zu den Treibhausgasen bei, die Wiederkäuer wiederum sind nur für 13 % der gesamten Methanproduktion verantwortlich. Der Anteil des vom Wiederkäuer produzierten Methans am gesamten THG beträgt gar nur 2,6 % .

 

ZAR-Kuhrier: Die Kuh wird oftmals als „Klimakiller“ dargestellt. Was sind die Hintergründe dieser Anschuldigung?

Rinder bzw. allgemein Wiederkäuer stoßen bei der Verdauung von faserreichem Futter im Pansen viel Methan aus und tragen somit etwa 5 % zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei. Methan ist vor Lachgas und weit vor Kohlendioxid das wichtigste Treibhausgas aus der Landwirtschaft. Rindfleisch ist außerdem eines der Lebensmittel mit den höchsten THG-Emissionen je kg Produkt oder je kg Eiweiß.

ZAR-Kuhrier: Welche positiven Beiträge zur Umwelt, unserem Lebensraum und der Nahrungsmittelproduktion leistet der Wiederkäuer?

Eine an die Standorte angepasste Zahl von Wiederkäuern, bei uns meist Rindern, leistet weltweit einen wertvollen Beitrag zur Ernährungssicherung. Mehr als 70 % der globalen landwirtschaftlichen Nutzfläche ist Grasland und viele Flächen können nicht anders genutzt werden. Nur Wiederkäuer können davon Lebensmittel erzeugen! Zudem würde im Humus gebundener Kohlenstoff als CO2 entweichen, wenn Grünland umgebrochen wird.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

71 % der weltweiten und landwirtschaftlich nutzbaren Fläche besteht aus Grünland, welches erst durch den Wiederkäuer verwertet werden kann.

 

Die Nutzung der Grünlandflächen durch die Wiederkäuer hat auch eine wichtige wirtschaftliche Funktion. Viele Haushalte erwirtschaften dadurch zumindest einen Teil ihrer Einkünfte und ländliche Regionen können damit erhalten werden. Hinzu kommt, dass die Offenhaltung unserer Kulturlandschaft im Berggebiet eine hohe Bedeutung für den Tourismus hat.

Dauergrünland, das vor allem im alpinen Raum auch extensiv genutzt wird, speichert nicht nur mehr Kohlenstoff im Boden als Acker, es schützt vor Erosion und ist auch hinsichtlich Grundwasserqualität sehr vorteilhaft. Und bei extensiver Nutzung ist es auch eine Grundlage für eine hohe Naturvielfalt, also Biodiversität, die wir möglichst gut bewahren sollen.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Entwicklung der Methan-Emissionen der Rinder und des Rinderbestandes in Österreich von 1990 - 2017.      

 

ZAR-Kuhrier: Wie beeinflusst die Fütterung die Methanproduktion?

Je faserreicher die Futterration ist, desto mehr Methan wird üblicherweise im Pansen gebildet. Es gibt verschiedene Stoffe wie Öle und Fette oder bestimmte pflanzliche und chemische Futterzusatzstoffe, die die Methanproduktion im Pansen vermindern. Dabei gibt es allerdings Einsatzgrenzen, weil die Gemeinschaft der vielen unterschiedlichen Mikroorganismen im Pansen sonst schnell aus dem Gleichgewicht gebracht würde und das Tier das Raufutter nicht mehr gut verdauen kann.

ZAR-Kuhrier: Wird Methan nur von Wiederkäuern produziert, oder gibt es noch andere Methan-Emittenten?

Es gibt auch andere natürliche Quellen wie Sümpfe und Termiten, deren Mikroorganismen im Verdauungssystem ebenso wie im Rinderpansen Zellulose aufspalten. Auch Wildtiere produzieren Methan.

Andere menschlich bedingte Methanquellen, das heißt die Förderung von Erdöl oder Erdgas, Abfalldeponien, Nassreisanbau und die Verbrennung von Biomasse sind in Summe fast dreimal so bedeutend wie die Rinder.

ZAR-Kuhrier: Wie hat sich der Beitrag der Wiederkäuer zu den Treibhausgasen über die Zeit in Österreich entwickelt?

Durch den Anstieg von Milch- und Mastleistungen und dem damit verbundenen Rückgang der Tierzahlen haben sich die THG-Emissionen von Wiederkäuern deutlich reduziert. In den letzten 30 Jahren sind die Emissionen der Wiederkäuer um etwa 10 % gesunken.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

THG Emissionen der EU-Milcherzeugung. Die Produktion in Österreich ist am klimafreundlichsten. Eine Einschränkung der Erzeugung bei gleichbleibendem Konsum wäre kontraproduktiv.

 

ZAR-Kuhrier: Wie viel CO2 wird für die Produktion von 1 kg Milch ausgestoßen? Wie liegt die österreichische Milchwirtschaft im Vergleich mit anderen Ländern? Gibt es Unterschiede zwischen Produktionsgebieten und Produktionsweisen?

Nach aktuellen Berechnungen liegen die THG-Emissionen je kg Milch etwas über 1 kg Kohlendioxidäquivalente (CO2-Äqu.)1). Die THG-Emissionen der österreichischen Milch sind im Ländervergleich relativ gering, vor allem weil bei uns wenig kritische und viele hofeigene Futtermittel eingesetzt werden. Besonders seit Milch GVO-frei erzeugt wird und daher wenig (kritischer) Sojaschrot aus Lateinamerika eingesetzt wird, zählt die heimische Milcherzeugung auch weltweit zu den klimafreundlichsten.

ZAR-Kuhrier: Wie sieht der Vergleich in der Produktion von 1 kg Rindfleisch aus?

Die Emissionen von einem kg Rindfleisch betragen in Österreich zwischen etwa 15 kg und über 30 kg CO2-Äqu. Im Vergleich mit dem Durchschnittswert für europäisches Rindfleisch ist ein leichter Vorteil ersichtlich. Importiertes Rindfleisch aus Südamerika weist jedoch zum Teil ein Vielfaches der THG-Emissionen auf, besonders wenn es aus Brasilien stammt. Doppelnutzungsrinder zeigen sich im Vergleich zu spezialisierter Milcherzeugung mit Milchrassen und Rindfleischerzeugung mit Mutterkühen von Fleischrassen als vorteilhaft. Dadurch lassen sich geringere THG-Emissionen für heimische Milch- und Fleischerzeugung zusätzlich zu Vorteilen durch die Fütterung erklären.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Die Verwertung des Grünlandes für die Produktion von Lebensmitteln sowie die Offenhaltung der Kulturlandschaft sind eine der wichtigen Funktionen der Rinderwirtschaft.

 

 

ZAR-Kuhrier: Welchen Beitrag kann die Tierzucht im speziellen die Rinderzucht zur Reduktion der Treibhausgase leisten?

Effiziente Rinder leisten mit guter Umwandlung von Futter in tierische Lebensmittel einen äußerst wichtigen Beitrag für geringe THG-Emissionen je kg Milch oder Fleisch! Im Vergleich mit vielen anderen Maßnahmen erscheint der Vorteil der Zucht auf effizienter Kühe enorm.

So konnten wir im Projekt Efficient Cow zeigen, dass die hinsichtlich Futterumwandlung effizienteren Kühe um durchschnittlich 6 % geringere THG-Emissionen als die jeweiligen Herdenmittelwerte aufweisen.

ZAR-Kuhrier: Hat das Haltungssystem einen Einfluss auf die Treibhausgasemissionen?

Unter günstigen Witterungsbedingungen sind die THG-Emissionen von geweideten Tieren etwas geringer. Wenn Kot und Harn im Stall anfallen, können sie nicht gleich in den Boden einsickern und ein höherer Anteil des Stickstoffs und des Kohlenstoffs geht im Stall, im Lager und bei der Ausbringung verloren. Es gibt Hinweise darauf, dass der THG-Vorteil aber nicht für intensive Weidesysteme wie die Kurzrasenweide gilt, weil dort mehr aus dem Boden emittiert wird.

In Summe sind THG-Emissionen aus Flüssigmistsystemen etwas höher als aus Festmistsystemen. Im Einzelfall kann das aber auch anders sein.

Bei Einstreu-Haltungssystemen ist es sehr vorteilhaft, wenn Festmist regelmäßig in ein Außenlager transportiert wird und keine Tiefstreu-Mistmatratze aufgebaut wird.

Als vorteilhaft hinsichtlich geringer THG- und Ammoniakemissionen aus Festmist und Gülle empfiehlt sich die rasche Einarbeitung in den Boden nach der Ausbringung.

Zusätzlich ist aus THG-Sicht das Vergären von Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen sehr zu empfehlen.

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Treibhausgasemissionsquellen aus der Milcherzeugung in Österreich. 60 % stammen aus der verdauungsbedingten Methanemission, weitere 23 %  trägt die Wirtschaftsdüngerlagerung- und Ausbringung bei, 9 % Grundfuttermittel und 5% Konzentratfuttermittel.

 

ZAR-Kuhrier: Mit welchen Maßnahmen kann der CO2-Beitrag auf dem landwirtschaftlichen Betrieb reduziert werden? Wo kann jeder einzelne Bauer ansetzen?

Standortangepasste Tiere züchten, die am Betrieb vorhandenes (und durch Zukäufe ergänztes) Futter möglichst effizient verwerten.

Ausgewogene und bedarfsangepasste Rationen.

Wenn möglich kritische Futtermittel, vor allem Sojaextraktionsschrot aus Südamerika, ersetzen – falls diese noch verfüttert werden.

Auf eine hohe Grundfutterqualität achten, eventuell auch durch Weidehaltung.

Bestimmte Futterzusatzstoffe zeigen positive Effekte auf geringere Methanemissionen aus dem Pansen und auf eine bessere Leistungsfähigkeit der Rinder.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Pansenboli der Fa. smaXtec – die Firma ist ebenfalls Forschungspartner im Projekt D4Dairy - dienen dazu, wertvolle Informationen wie PH-Wert, Temperaturüber die Vorgänge direkt im Pansen zu erfassen.

 

ZAR-Kuhrier: Wie würde es sich auf die Klimabilanz national und global auswirken, wenn die Rinderhaltung in Österreich reduziert und Milch und Fleisch in anderen Länder produziert wird?

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Milch und Rindfleisch in anderen Ländern mit (bedeutend) geringeren THG-Emissionen erzeugt werden könnten! In der nationalen Klimabilanz würden die THG-Emissionen mit einem Rückgang der Produktion zwar entsprechend zurückgehen, in der weltweiten Bilanz würden sie aber verhältnismäßig stärker ansteigen, wenn wir Milch und Fleisch nach Österreich importieren. Eine Verminderung der Rinderhaltung würde also nur in Verbindung mit einem verringerten Konsum von Milch, Milchprodukten und Rindfleisch für die globale Klimabilanz wirksam werden.

ZAR-Kuhrier: Wie schätzen Sie die Auswirkungen der Klimaveränderung auf die Landwirtschaft in Österreich ein? Wird es zukünftig Regionen geben, die vom Klimawandel profitieren?

Laut einer Studie der AGES werden vor allem mit der Wasserknappheit die Flächenerträge in Österreich in fast allen Regionen deutlich zurückgehen. In den für die Rinderwirtschaft typischen Gebieten wird jedoch ein geringerer Rückgang als in den Trockengebieten und teilweise auch gleichbleibender bis leicht gesteigerter Ertrag prognostiziert.

Eine deutliche Zunahme der Hitzetage führt besonders bei hochleistenden Tieren (Milchkühen) in älteren Ställen zu Hitzestress und damit zu Gesundheitsproblemen und Leistungseinbußen.

Einige Auswirkungen der Klimaänderung sind in (manchen) Regionen mit Rinderhaltung bereits eindeutig feststellbar, etwa die Zunahme der Durchschnittstemperaturen, der Rückgang bzw. die andere jahreszeitliche Verteilung von Niederschlägen und die Hitzetage.

Interview mit Dr. Stefan Hörtenhuber

Die Grafik zeigt die THG-Emissionen der globalen Milcherzeugung auf Basis 3,3 % Eiweiß. Die europäische Milchproduktion schneidet diesbezüglich am besten ab. 1 kg Milch verursacht in Westeuropa 1,42 kg CO2-Äquivalente, in Osteuropa 1,49, weltweit liegt der Durchschnitt bei 5,18 kg CO2-Äquivalente.

 

ZAR-Kuhrier: Abschließend, welches Zeugnis würden Sie der österreichischen Rinderwirtschaft in Bezug auf die Umwelt- und Klimabelastung ausstellen?

Jedenfalls die Schulnote „Gut“, sofern diese nicht dazu beiträgt, dass keine weiteren Verbesserungen mehr angestrebt werden. Auch in der heimischen Rinderwirtschaft können noch Optimierungen umgesetzt werden. Diese sind in allen Sektoren erforderlich, wenn wir die Klimaänderung einbremsen wollen. Nur wenn alle, von Konsumenten bis zu Produzenten, einen möglichst großen Beitrag leisten, kann der Schaden – auch für die heimische Landwirtschaft – in Grenzen gehalten werden.

Sonderausgabe Klima 3 

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