Sprachauswahl


Rinderzucht hat Erbfehler im Griff

Erbfehler sind in der Tierzucht nichts Neues, wurden aber in den letzten Jahren wieder verstärkt ins Gedächtnis gerufen.

Mit dem Anpaarungsprogramm OptiBull können Risikopaarungen vermieden werden.

Untersuchungen der DNA deuten darauf hin, dass praktisch jedes Tier Träger gleich mehrerer Erbfehler ist. Eine plötzlich auftretende Veränderung im Erbgut (Mutation) kann die Funktion eines Gens bzw. dessen Regulation stören. Die meisten dieser Veränderungen bleiben lange Zeit verdeckt, da die Erkrankung erst auftritt, wenn das defekte Allel von beiden Eltern vererbt wird.

Die ersten betroffenen Tiere tauchen meist erst auf, nachdem sich die Mutation in einer Population ausgebreitet hat. Durch den breiten Besamungseinsatz können solche rezessiven (verdeckten) Mutationen innerhalb weniger Jahre stark in einer Population verbreitet werden. Da im Zeitalter der genomischen Selektion die Generationenfolge noch kürzer ist, muss ein effektives System zum Monitoring von Schadmutationen daher fester Bestandteil des Zuchtprogrammes sein.

Die Verfügbarkeit von umfangreichen Genotypendaten eröffnet jedoch auch völlig neue Möglichkeiten des Erbfehlermonitorings. Vereinfacht gesagt wird bei diesen Methoden nach DNA-Abschnitten im Genom gesucht, die bei keinem Tier in reinerbiger Form auftauchen. Es wird daher davon ausgegangen, dass reinerbige Tiere ein zu dem Zeitpunkt unbekanntes Erkrankungsbild ausprägen und abgehen. Nachfolgende Analysen in der DNA-Sequenz bei den mischerbigen Trägertieren bieten meist gute Aussichten die ursächliche Mutation zu finden.

Reinerbige Träger dieser Mutationen werden dann auf das zugrundeliegende Krankheitsgeschehen untersucht. Diese Mutationen werden meist schnell in den Markerbestand der in der genomischen Selektion verwendeten SNP-Chips integriert. Über die breite Typisierung kann dann effektiv gegen diese Erbfehler selektiert werden. Erfolgsbeispiele für diese Herangehensweisen in den letzten Jahren gibt es einige: FH2 (Minderwuchs) und FH5 (Herzschwäche) bei Fleckvieh und BH2 (erhöhte Anfälligkeit für Lungenentzündungen) bei den Rassen Braunvieh und Fleckvieh. Eine genauere Beschreibung der wichtigsten Erbfehler findet sich auf www.zar.atServiceZuchtwerte – Genetische Besonderheiten und Erbfehler.

 

Anteil der Risikopaarungen (Besamungsstier und mütterlicher Großvater sind Träger) bei den Erbfehlern TP (Bluterkrankheit, grau); FH2 (Minderwuchs, orange), FH5 (Herzschwäche, schwarz) sowie BH2 (erhöhte Anfälligkeit für Lungenentzündungen), DW (Zwergwuchs) und ZDL (entzündliche Hautveränderungen, blau, grün, und rot). Bei TP und FH2 ist der Rückgang der Risikopaarungen nach den Veröffentlichungsterminen August 2013 klar erkennbar.

Quelle: ZuchtData/Fürst, Schwarzenbacher

 

Über Anpaarungsprogramme wie das RDV-Programm OptiBull (www.zar.atService) können Risikopaarungen mit diesen Informationen effektiv vermieden werden, ohne dass wertvolle Genetik generell aus der Zucht ausgeschlossen werden muss. Das Prinzip von OptiBull basiert darauf, dass aus einem vorgegebenen Stierangebot optimierte Besamungsvorschläge gefunden werden. Die Auswahl der geeignetsten Stiere orientiert sich grundsätzlich am Zuchtziel der Rasse (Gesamtzuchtwert), wobei zusätzlich noch individuelle Stärken und Schwächen hinsichtlich der Leistungs-, Fitness- und Exterieurkriterien der Kuh/Kalbin berücksichtigt werden. Enge Inzuchtpaarungen werden vermieden, ebenso werden Risikopaarungen hinsichtlich der derzeit bekannten Erbfehler ausgeschlossen bzw. nach einem Ampelsystem farblich gekennzeichnet. OptiBull steht im Internet als eigener Programmteil des RDV für Mitglieder (LKV-Herdenmanager) allen Züchtern kostenlos zur Verfügung.

Aus der Abbildung wird klar, dass nach der Veröffentlichung der Erbfehler TP (Bluterkrankheit) und FH2 (Minderwuchs) im August 2013 ein deutlicher Rückgang der Risikopaarungen in der Praxis beobachtet werden konnte. Damit konnten Kälberverluste verhindert und Tierleid vermieden werden!

Ein sehr selten auftretender Fall sind dominant wirkende neue Mutationen. Betroffene Tiere können selbst gesund sein, aber eine dominant wirkende genetisch bedingte Erkrankung an ihre Nachkommen vererben. Der Anteil von krankmachenden Spermien kann außerdem von Fall zu Fall variieren. Im schlimmsten Fall kann jedes geborene Kalb vom Erbfehler betroffen sein! Solche Mutationen sind selbst mit dem besten genetischen Analysen nicht vorherzusehen. Neue Mutationen, die nur bei einem einzigen Tier auftauchen, können zwar unter Umständen durch eine Sequenzierung identifiziert werden, die Auswirkung auf die Nachkommen sind aber häufig nicht genau abschätzbar. Umso wichtiger ist es aber, dass Stiere mit einer verdächtigen Häufung von Kälbern mit auffälligen Veränderungen unverzüglich gemeldet werden. Erhärtet sich der Verdacht auf einen dominanten Erbfehler ist der Stier unverzüglich aus der Besamung zu nehmen. Bisher konnte beim Fleckvieh ein Fall einer dominanten Spontanmutation beobachtet werden. Die betroffenen Kälber litten an der Glasknochenkrankheit.

Die Methoden der modernen Tierzüchtung haben Erbfehlern daher weitgehend den Schrecken genommen. Gleichzeitig sind diese Möglichkeiten aber auch ein Auftrag diese konsequent einzusetzen, um Tierleid und wirtschaftliche Schäden zu verhindern.

 

zurück