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Enthornung mit züchterischen Methoden

Hornlose Rinder sind seit dem Altertum bekannt. Bereits im alten Ägypten gibt es Belege von der Existenz natürlich hornloser Kühe.

Hornausprägungsformen beim Rind:
Normale Behornung (A)
Wackelhorn (B)
natürliche Hornlosigkeit (C)
Quelle: doi:10.1371/journal.pone.0093435.g001

 

Natürliche Hornlosigkeit kommt durch spontane Mutationen zustande, die vom Menschen je nach Bewertung ausselektiert oder züchterisch vermehrt wurden. So ist es auch zu erklären, dass wir heute Rinderrassen wie Angus oder Galloway kennen, die vollständig hornlos sind, während in anderen Rinderrassen die natürliche Hornlosigkeit nur sporadisch vorkommt. Traditionell wurde der natürlichen Hornlosigkeit in der Fleischrinderzucht eine weit größere Bedeutung zugemessen.

In der Milchviehhaltung ist in den letzten Jahrzehnten die Enthornung, heute meist thermisch mit dem „Buddex“ Gerät durchgeführt, zum Standard geworden. Die gesellschaftliche Diskussion, ob die Enthornung aus Tierschutzsicht zu vertreten sei, ist aber bereits angelaufen. Aus diesem Grund tut die Tierzucht gut daran, frühzeitig über Alternativen zur Enthornung nachzudenken.

Die Vererbung der Hornlosigkeit

Die Behornung der Rinder wird in einem Abschnitt im Erbgut, der am ersten Rinderchromosom lokalisiert ist, bestimmt. Bis jetzt kennen wir zwei Mutationen die  beim Rind natürliche Hornlosigkeit verursachen. Diese Erbgutveränderungen dürften unabhängig voneinander entstanden sein und kommen jeweils innerhalb historisch verwandter Rinderrassen vor. Beim Fleckvieh kommen aufgrund der Einkreuzung von Red Friesian beide Varianten vor. Beide Mutationen wirken dominant über die Behornung. Das bedeutet, dass bereits ein Hornlosallel “P“ genügt, um das Tier hornlos zu machen. Mischerbig hornlose Tiere werden mit der Abkürzung “Pp“ gekennzeichnet, während reinerbig hornlose Tiere die Abkürzung “PP“ bekommen.

Für den Züchter ist die Unterscheidung von mischerbig und reinerbig hornlosen Tieren sehr wichtig. Während beim Einsatz von mischerbig hornlosen Stieren auf behornte Kühe nur rund die Hälfte der daraus geborenen Kälber hornlos ist, werden beim Einsatz von PP-Besamungsstieren ausschließlich hornlose Nachkommen geboren. Seit 2012 steht ein direkter Gentest zur Verfügung, mit dem der Hornlosstatus zweifelsfrei festgestellt werden kann. Seit 2015 wird dieser Gentest Teil für alle Tiere in der genomischen Zuchtwertschätzung routinemäßig durchgeführt.

Bei mischerbig und extrem vereinzelt auch bei reinerbig hornlosen Tieren kann das sogenannte Wackelhorn ausgebildet werden. Wackelhornausprägungen können sehr variabel sein von fingernagelgroßen Krusten bis zu Hornstummeln mit 10 cm Länge (Abbildung). Klassische Wackelhörner weisen keine knöcherne Verbindung mit dem Stirnbein auf und werden normalerweise nicht enthornt, da von ihnen keine Gefahr ausgeht. Wackelhörner werden mit der Abkürzung “PS“ gekennzeichnet. Die genetische Verankerung des Wackelhorns im Genom ist immer noch nicht geklärt. Interessant ist beispielsweise die Tatsache, dass das Phänomen bei männlichen Tieren überproportional häufig vorkommt. Wackelhornträger werden derzeit in der Hornloszucht aufgrund der Seltenheit des Phänomens toleriert, da sie ja zumindest heterozygot hornlos sind und somit ebenso zur Ausbreitung der Hornlosmutation beitragen.

Als Geburtsstunde der Hornloszucht im Fleckvieh kann das Jahr 1974 bezeichnet werden, als die erste genetisch hornlose Fleckviehkuh durch eine Initiative der Bayerischen Landesanstalt für Tierzucht Grub sowie der Ludwig-Maximilian-Universität München, angekauft wurde. In Bayern wurde in den Folgejahrzehnten die Hornloszucht konsequent vorangetrieben. Die ungeahnte Dynamik der letzten Jahre ist aber der Einführung der genomischen Selektion zu verdanken. Dieses Werkzeug erlaubt es erstmals natürlich hornlose Tiere strenger vorzuselektieren. Damit konnten nun erstmals hornlose Stiere angeboten werden, die im Vergleich zur behornten Fleckviehpopulation ein konkurrenzfähiges Vererbungsprofil aufwiesen.

Auch in Österreich ist diese Entwicklung am Besamungsanteil mit hornlosen Stieren abzulesen, freilich auf weit niedrigerem Niveau als in Bayern. Im Jahr 2016 lag der Anteil von Besamung mit hornlosen (Pp und PP) Stieren bei 3,6% mit ansteigender Tendenz (Tabelle 1). Im Vergleich dazu lag im Jahr 2016 der Besamungsanteil mit hornlosen Stieren in Bayern bei rund 19%. Das durchschnittliche Besamungsniveau im Gesamtzuchtwert zum Zeitpunkt der Besamung lag bei den hornlosen Stieren 2015 um 5,2 und 2016 nur mehr um 2,6 Zuchtwertpunkte unter jenem mit behornten Vererbern. Diese Zahlen zeigen die Verfügbarkeit von hornlosen Stieren auf annähernd gleichem züchterischen Niveau. Diese Entwicklung ist sehr erfreulich und wird das Fleckvieh für neue Züchterkreise attraktiv machen.

Tabelle 1: Besamungsanteile von behornten (pp), heterozygot (Pp) und homozygot hornlosen (PP) Fleckvieh Stieren in Österreich von 2010 bis 2016.

JAHR

pp

Pp

PP

2010

100

0,0

0,0

2011

100

0,0

0,0

2012

99,9

0,0

0,1

2013

99,3

0,4

0,3

2014

98,4

0,8

0,8

2015

96,5

1,7

1,8

2016

96,4

2,0

1,6

Zusammenfassung

Da die Hornlosigkeit beim Rind von einem einzelnen, dominant wirkenden Genort bestimmt wird, kann diese Eigenschaft vergleichsweise schnell in der Population verbreitet werden. Der Trend zum natürlich hornlosen Fleckvieh wurde in den letzten 5 Jahren durch die Einführung der genomischen Selektion stark befördert.  Verhindert werden sollte jedoch, dass der erfreuliche Trend in der Hornloszucht in einen Hype abgleitet. Da die Hornlosigkeit im Fleckvieh immer noch nicht weit verbreitet ist, bestünde dann die Gefahr, dass es zu reduziertem Zuchtfortschritt und einer Linienverengung kommen könnte.

 

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